Hallo!
Nach längerer Abwesenheit wieder einmal ein Eintrag von mir - ich gelobe mich zu bessern.
Dieser Tage bin ich auf einen Arbeitsbesuch in Padua in Italien, der durch die Wolke aus Vulkanasche unfreiwillig verlängert wird. Ich besuche hier meinen Kollegen Bernhard Aringer vom Astronomischen Observatorium Padua, um Modelle von Atmosphären von kühlen Riesensternen zu berechnen, und wollte ansich am vergangenen Freitag (16. 4.) nach Löwen in Belgien zurückkehren. Nun muss ich aber abwarten, wann wieder ein Flug geht. Mit dem Zug zu reisen ist leider auch keine echte Alternative, da alle Fernzüge für die kommenden Tage hoffnungslos ausgebucht sind. Das gibt mir die Gelegenheit, in diesem Post den wissenschaftlichen Hintergrund der Zusammenarbeit ein bisschen zu beschreiben.
Das Hauptprojekt, für das ich nun in Löwen arbeite, beschäftigt sich mit roten Riesensternen, die sich in der Nähe des Zentrums unserer Galaxie befinden. Genauer gesagt gehören sie zum sogenannten Bulge der Milschstraße, der zentralen Verdickung der sonst flachen Milchstraßenscheibe. Die genaue Entstehung des Bulges ist nicht bekannt, und wir versuchen mit unserer Arbeit ein kleines Stück zur Enträtselung beizutragen. Der Bulge unserer Milchstraße ist nur der uns nächstgelegene Bulge, aber auch andere Galaxien haben zum Teil solche zentralen Verdickungen. Bulges scheinen also ein generelles Merkmal von vielen Galaxien zu sein, und das Verstehen ihrer Entstehung ist ein wesentlicher Bestandteil des Verstehens der Entwicklung von Galaxien als Ganzes.
Soviel zum allgemeinen Hintergrund. Was haben aber nun meine Riesensterne damit zu tun? Nun, eine Möglichkeit, die Entstehung des Bulges zu entschlüsseln, liegt darin, die chemische Zusammensetzung der Sterne im Bulge zu bestimmen. Damit ist gemeint, welche chemischen Elemente wie Kohlenstoff, Sauerstoff oder Eisen mit welcher Häufigkeit in diesen Sternen vorkommen, denn diese Häufigkeiten werden beeinflusst durch den genauen Entstehungsmechanismus des Bulges. Und Riesensterne sind deshalb gute Indikatoren, da sie sehr hell sind und auch über die gewaltige Entfernung zum Bulge (ca. 30000 Lichtjahre, oder 8 Kiloparsec) relativ gut beobachtet werden können. Ein weiterer Vorteil ist, dass die kühlen Riesensterne das meiste Licht im infraroten Spektralbereich aussenden, jene Strahlung, die auch den Staub, der in riesigen Wolken zwischen uns und dem Bulge liegt, relativ ungehindert durchdringt. Das für uns sichtbare Licht wird durch den Staub fast vollständig blockiert.
Allerdings haben Riesensterne auch einen Nachteil: Die komplexe Struktur ihrer Atmosphähren, die sich nur schwierig mit mathematischen Modellen beschreiben lässt. Deshalb wagen sich auch nicht viele Wissenschafter an die Analyse von Riesensternen, weil sie nicht die richtigen mathematischen Werkzeuge (eben die Atmosphärenmodelle) besitzen. Ein Problem bei der Berechnung ist zum Beispiel, dass die Riesensterne (wie der Name schon sagt) sehr ausgedehnt sind, und allmählich in das Vakuum des Weltraums übergehen. Glücklicherweise arbeitet mein Kollege Bernhard Aringer an solchen Modellen, die ich zur Analyse meiner Beobachtungen verwenden kann. Ich bin also in Padua, um mit ihm die Berechnung der Modelle und der genauen Vorgangsweise in der Analyse zu besprechen. Auch im Zeitalter von E-Mail und Internet sind solche Treffen unter Wissenschaftern ganz ganz wichtig, um die Dinge von Angesicht zu Angesicht zu besprechen. Der Arbeitsbesuch gestaltet sich auch sehr produktiv und angenehm, ich hoffe aber trotzdem, dass sich die Aschewolke demnächst wieder verzieht und ich nach Belgien an meinen Arbeitsplatz zurückkehren kann, um die neuen Erkenntnisse tatsächlich in die Tat umzusetzen.
Bis zum nächsten Mal,
Stefan












